Die Wahrheit hinter Hondas F1-Fiasko

Veröffentlicht: 6 Dezember 2008 in Formel 1, Grand Prix
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Takeo Fukui, 2008

Als Takeo Fukui am Freitag in Tokyo vor die Weltpresse trat, um Hondas Rücktritt aus der Formel 1 bekannt zu geben, da wurde als Grund die weltweite Wirtschaftslage und sinkende Verkaufszahlen aufgeführt, dass man es sich künftig nicht mehr leisten könne in der Formel 1 Geld auszugeben. 40 Jahre nachdem Honda das erste Mal aus der Formel 1 ausgestiegen war, sehen wir die Japaner erneut die weisse Flagge schwenken. Doch Schuld an diesem Fiasko sind nur sie selbst.


Nick Fry und Ross Brawn zeigen sich zwar verständig gegenüber Fukuis Erklärung, was sollen sie auch anderes sagen, doch die ganze Wahrheit hinter dem Verlust von zwei, möglicherweise sogar vier Autos aus dem F1-Starterfeld sieht völlig anders aus. Dass Honda das Superaguri-Team einst nur deshalb aus der Taufe hob, um die aufgebrachten Fans daheim zu beruhigen, nachdem man Landsmann Takuma zu Gunsten Barrichellos vor die Tür gesetzt hatte, ist nur eine von vielen fragwürdigen Entscheidung, die die Führung in Tokyo im Laufe der Jahre traf. Superaguri hatte nie eine vernünftige technische Grundlage und auch keine solide finanzielle Basis. Daniele Audetto sagte mir einmal, das Team habe keinen Einfluss auf die Sponsorenbeschaffung, die gesamte Marketing-Abteilung sei in Japan ansässig. Was diese von Honda gesteuerten Experten dann zu Wege brachten – oder nicht – ist ja mittlerweile hinlänglich bekannt.

Carlos Ghosn & Fernando Alonso

Wie die gesamte Autoindustrie, sieht sich Honda mit abfallenden Absatzzahlen konfrontiert, und zwar so ziemlich auf allen Märkten. Dass das Unternehmen und diesen Umstände den Gürtel enger schnallen muss, ist verständlich. Dass Honda das Geldausgeben in der Formel 1 einstellen muss, ist folglich auch nachvollziehbar. Aber hätte das F1-Team den eigentlich ein solches Fass ohne Boden sein müssen? Ganz gewiss nicht! Man nehme das Beispiel Carlos Ghosn. Als der einstige Nissan-Vorstandsvorsitzende zu Renaults Nummer 1 wurde, gehörte zu den ersten Amtshandlungen die internen Finanzprüfer auf das vermeintlich Geld fressende F1-Team anzusetzen. Ghosn war angenehm überrascht festzustellen, dass Renault F1 der Marke weltweit einen dynamischen Auftritt verleiht UND auch noch schwarze Zahlen schreibt. Deshalb kann keine Rede davon sein, dass Renault aus der Formel 1 zurückzieht. Die Franzosen werden auch weiterhin um Siege kämpfen. Das gilt übrigens auch für alle anderen in der Formel 1 involvierten Automobilhersteller.

Die Wahrheit ist: Honda hat seit Jahren keine Hausaufgaben gemacht, was die Formel 1 angeht. Man hat fahrlässig die Jobs von 700 hochqualifizierten Mitarbeitern leichtfertig, nein, auf unverantwortliche Weise aufs Spiel gesetzt. Es ist der Beweis von eklatantem Manager-Versagen, sowohl in Tokyo, als auch in Brackley. Ich bin mal gespannt, ob jener Schlaumeier, der diese schräge Earthdream-Kampagne durchsetzte, vortreten wird und seine Schuld an diesem Fiasko öffentlich bekennen wird. Dank dieser brillianten Idee hat Honda in zwei Jahren annähernd eine Milliarde US-Dollar (!) eigener Mittel sinnlos verfeuert. Und was hat es gebracht? Naja, einen Preis für die beste Umweltschutz-Kampagne. Und war es das Wert, eine Milliarde zu verpulvern und 700 Jobs zu riskieren? Honda schöpfte als einziges Formel 1-Team sein Budget voll aus dem Konzernmitteln, hing also unmittelbar vom Absatz ihrer Autos ab. Alle anderen Teams haben Verträge mit Haupt- und Nebensponsoren und einen Sinn machenden Geschäfstplan, der sie finanziell von Marktbewegungen unabhängig macht. Nur Honda meinte unentwegt unmoralische Summen in ein selbst geschaffenes Fass ohne Boden pumpen zu können.

Jenson Button, Honda, 2008

Es ist nicht das erste Mal, dass Honda mit abrupten Entscheidungen für bizarre Zustände in der Formel 1 sorgt und sich so den Unmut der Szene zuzieht. Bereits 1999 machte Honda praktisch über Nacht einen Rückzieher aus einem Projekt, das mit einem von Dallara gebauten RA099-Chassis mit dem hauseigenen V10-Motor unter der Leitung von Dr. Harvey Postlethwaite bereits fast vollständig für den Einstieg in die WM aufgestellt war. Bernie Ecclestone musste eingreifen, war emsig bemüht diese rund 100 Mitarbeiter in dieser hochspezialisierten und daher kleinen Industrie, die der Profi-Motorsport darstellt, irgendwie neue Jobs zu besorgen. Somit ist der jetzige, hysterische Ausstieg aus der Formel 1 nicht das erste Mal, dass Hondas Konzernführung einen eklatanten Mangel an Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Angestellten an den Tag legt und sich somit den Unmut in der Branche aussetzt.

Bernie wird auch diesmal mit anpacken müssen, wird Fry und Brawn helfen einen Käufer für den Rennstall zu finden, damit nicht schon wieder Formel 1-Leute die notorische Ahnungslosigkeit des Honda-Managements ausbaden müssen. Vielleicht ist das, was jetzt geschehen ist, am Ende das Beste für die Formel 1. Je eher man eine so labile Komponente wie Honda aus der Szene los wird, umso besser. Vielleicht übernimmt ja jemand, der die Formel 1 besser kennt und versteht den Rennstall aus Brackley vernünftig zu führen, da Ruder. Vielleicht stellen wir dann irgendwann fest, dass in all den Jahren das wahre Potenzial dieser Mannschaft nur durch fragwürdige politische Wirren und schwerfällige Entscheidungsprozesse der japanischen Führung am Erfolg gehindert wurde. So könnte Hondas Ausstieg am Ende sogar das Beste sein, was der Formel 1 passieren konnte.

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Kommentare
  1. mirko sagt:

    Tja, und ist es auch 🙂

  2. Jonny sagt:

    Hey Mario,

    Du schreibst „Vielleicht übernimmt ja jemand, der die Formel 1 besser kennt und versteht den Rennstall aus Brackley vernünftig zu führen, da Ruder. Vielleicht stellen wir dann irgendwann fest, dass in all den Jahren das wahre Potenzial dieser Mannschaft nur durch fragwürdige politische Wirren und schwerfällige Entscheidungsprozesse der japanischen Führung am Erfolg gehindert wurde. So könnte Hondas Ausstieg am Ende sogar das Beste sein, was der Formel 1 passieren konnte.“.

    Da hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen.

    Ross Brawn hat da ein Meisterwerk gelandet. 🙂

    mfg
    Jonny

  3. grandprixinsider sagt:

    Hatte ich schon wieder vergessen 😉

  4. […] aus einem Post vom 8. Dezember, an den mich Leser heute Jonny […]

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