Die andere Seite des Felipe Massa (3. Teil)

Veröffentlicht: 3 Dezember 2008 in Uncategorized

Santa Catarina 11/2008

Mit der in Teil 1 und Teil 2 geschilderten Vorgeschichte im Gepäck reist Felipe Massa nach Florianópolis, um auch die 2008er Ausgabe seines als Benefiz-Veranstaltung verkappten Kart-Rennens für Promi-Rennfahrer durchzuziehen. Dass rundum Trauer, Fassungslosigkeit, Elend und Not herrscht, nachdem verheerende Unwetter den brasilianischen Bundestaat Santa Catarina ins Chaos gestürzt hatten, scheint Massa nicht zu kümmern, das Event wird durchgezogen, internationale Stars wie Michael Schumacher und NASCAR-Ass Jeff Gordon werden PR-trächtig angekündigt. So als ob gar nichts geschehen sei.


Während die TV-Sender Record und Bandeirantes zu Spenden und aktiver Hilfestellung aufrufen und mit geeigneten eigenen Massnahmen den meist überforderten Gemeinden zur Hilfe eilen, hat Marktführer TV Globo nichts besseres zu tun, als mit ständigen Spots Werbung für Massas banales Spektakel zu senden. Die Stimmung schlägt um, die Sympathiewelle, auf der Massa nach dem spannenden WM-Finale in Interlagos bislang schwamm, verebbt. Der aufkommende Unmut zwingt Massas Partner Carlos Romagnolli ein Zeichen zu setzen, eine Spende von 50.000 Reais wird eiligst kommuniziert. Ich benutze bewusst das Wort „zwingt“, denn ansonsten wäre wohl eine berechtigte Absage des Events von Seiten des Bürgermeisters erfolgt. Die 50.000 Reais (17.000 Euro) kann Romagnolli verschmerzen, es ist eh nur ein Prozensatz des Gewinns aus Sponsoringdeals. Wäre abgesagt worden, wären Massa/Romagnolli leer ausgegangen.

Santa Catarina 11/2008

Brasilien zeigt sich trotzdem entrüstet, es ist der falsche Zeitpunkt und der falsche Ort für ein Fun-Event, bei dem nicht eben Trauerflor getragen würde, sondern ausgelassenes Feiern auf dem Plan steht. Niemand kann diese Beharrlichkeit verstehen, mit der Massa & Co. darauf bestehen in einem Krisengebiet so eine Party abzuhalten. Wahrscheinlich: Das Duo befürchtet Ausfall-Forderungen von Lieferanten und Dienstleistern, sowie Regressansprüche von Sponsoren wegen Nichterfüllung vertraglicher Verpflichtungen. Und da hätten sie es mit Konzernen und Brasiliens grösstem TV-Sender zu tun bekommen. Also erklärt auch Massa blumig bei der Pressekonferenz zur Veranstaltung, dass er „50.000 Reais aus der eigenen Tasche“ beisteuere und verleiht so dem Event einen Touch Solidaritäts-Feeling. Die Gutgläubigen jubelten jedenfalls.

Mal ehrlich: Für einen wirklich um das Wohlwollen der notleidenden Bevölkerung bemühten Grossverdiener, der immerhin ein achtstelliges Jahresgehalt in harter Währung auf sein Bankkonto in Monaco überwiesen bekommt, ist das doch Kleingeld. Und dazu steuerlich absetzbar. Und: Wohin genau diese insgesamt 100.000 Reais (ca. 34.000 Euro) gespendet wurden und wie dieser Betrag eingesetzt wird, diese Frage bleibt vorerst auch unbeantwortet, eine offene Buchhaltung gibt es nicht, nur Lippenbekenntnisse. In einem Land wie Brasilien soviel wert, wie ein warmer Händedruck. Mehr noch: Es weckt erst recht Mißtrauen.

Santa Catarina 11/2008

Nun gut, wird manch einer sagen, in einer solchen Situation eine solche Nouveau Riche-Veranstaltung durchzuführen, mag von mangelndem Feingefühl zeugen. Kann man Massa wirklich einen moralischen Vorwurf machen? Dazu noch ein paar Fakten: Als Massa/Romagnolli das Event nach Florianópolis brachten, hatte der damalige Bürgermeister Dario Berger mit Hilfe des Bundesstaates Santa Catarina eine Bürgerschaft in Höhe von einer Million Reais garantiert. Soll heissen: Würde die Veranstaltung Seitens der Stadt unmöglich, oder seien finanzielle Ausfälle zu beklagen, dann steht die Stadt Florianópolis dafür gerade.

Der Stadtvater konnte natürlich den Ausnahmezustand, in den der ganze Bundesstaat geraten würde, nicht voraussehen, als er diesen Deal abschloss. Doch nun lebt die Region diese Realität, auch wenn „Floripa“ nicht in derselben Härte von den Unwettern getroffen wurde, einige Aussenbezirke sind durch überflutete oder gar weggespülte Strassen fast isoliert, hauptsächlich die Infrastruktur der auf einer Insel gelegenen Hauptstadt von Santa Catarina wurde in Mitleidenschaft gezogen. Und natürlich traf es den ärmeren Teil der Bevölkerung am härtesten, muss mit Lebensmitteln, Decken und provisorischen Unterkünften geholfen werden. Eigentlich sind alle öffentlichen Ressourcen im Moment zur Bewältigung der besonderen Umstände gebunden. Da brauchte es so einen Rummel am allerwenigsten.

Santa Catarina 11/2008

Ziemt es sich also in so einer Situation, gegenüber einem von erklärtem Notstand befallenen Bundesstaat auf Vertragserfüllung zu pochen, mit dem Ziel der eigenen Bereicherung? Letztendlich ist diese Veranstaltung für Massa/Romagnolli nichts anderes als ein Business. Nicht nur die von der Misere befallenen Brasilianer zeigten jedenfalls kein Verständnis für die Haltung der Beiden. Es musste reagiert werden, sorgfältig Kampagne gemacht werden, Akzeptanz musste erzeugt werden. Wie auch immer. Also wurden die Spenden von Romagnolli und Massa verbreitet, dann gab der Veranstalter am Sonntagabend bekannt, während F1-Veteran Barrichello einen bedeutungslosen Kart-Sieg feierte und auch sonst dem Ernst der Lage in Santa Catarina nicht angemessen gedacht wurde, man habe unter den teilnehmenden Fahrern weitere 150.000 Reais an zusätzlichen Spenden aufgetan.

Rund 102.000 Euro Spenden will man also von den anwesenden 26 Rennfahrern entgegen genommen haben. Wirklich? Neben Michael Schumacher, der 10.000 Euro spendete, waren von den Motorsport-Grossverdienern nur Barrichello und NASCAR-Champion Jeff Gordon zugegen. Woher man just diese schöne runde Zahl an Spenden bekommen haben möchte, darauf wird nicht näher eingegangen. Schon wird vermutet, dass sowohl Veranstalter als auch die Stadt Florianópolis den Beweis schuldig bleiben werden, dass diese Gelder – sollten sie denn jemals fliessen – wirklich die Notleidenden erreichen werden.

Di Grassi, Barrichello & Massa, 2008

Bei sovielen fragwürdigen Vorfällen rund um Desafio Internacional das Estrelas, täte Felipe Massa gut daran endlich wie ein Ehrenmann zu handeln. Hier bietet sich ihm nun die grosse Chance Transparenz zu zeigen und sich als wahrhaftig ehrenwertes Idol einer an wirklich aufrechten Vorbildern armen brasilianischen Jugend zu beweisen. Bleibt abzuwarten, ob er sie nutzt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s