Speedweek

Günter Wiesingers neues Motorsport-Wochenmagazin Speedweek debütierte diese Woche mit einer Vorab-Nummer und überzeugte auf Anhieb mit einem modernem Layout, gutem Papier und hochwertigem Inhalt. Es wird schnell klar, dass zum einen das neue Heft ein Denkzettel an GWs frühere Arbeitgeber ist – Motto: „So würde MOTORSPORT aktuell heute aussehen, hätte man mir die Grundlagen gegeben“. Andererseits ist es ein solides Objekt, das im knapp bemessenen Anzeigenmarkt der Automobil- und Motorradtitel wildern wird.


Nun haben die ewig Gestrigen in Schwerzenbach Gewissheit, dass das 21. Jahrhundert tatsächlich auch im Segment der wöchentlichen Motorsport-Printmedien angebrochen ist und wieviele Tonnen Briketts man wird endlich nachschieben müssen, um nicht eine Abwanderung der Leserschaft auch noch zu beschleunigen. Das Jahrzehnte lange Monopol der noch immer auf schlechtem Klopapier als lose Blattsammlung gedruckten MOTORSPORT aktuell ist dahin, was jetzt da lanciert wurde ist mehr, als nur eine simple Kampfansage.

Motogp

Das gute, alte Sprichwort „Konkurrenz belebt das Geschäft“ ist in diesem Metier nicht übertragbar. Nach Ende der Schumi-Ära waren die Absatzzahlen in dieser Sparte ohnehin gesunken, der Boom ist vorbei. Bleibt nur auf eine „Vettelmania“ zu hoffen. Der Zweirad-Bereich allein – Rossi hin oder her – hat nie die Verkaufszahlen so geschürt, wie dies die Formel 1 noch heute – auch ohne einen Michael Schumacher – nach wie vor vermag. Der Beweis war wohl die dämliche Idee, eine MSA-Titelseite im Frühsommer mit einem Superbike-Hauptmotiv zu verzieren: Die Verkaufszahlen brachen in jener Woche komplett ein.

Dass der Motorradsport seine Fans hat, und das sind nicht wenige, steht ausser Frage. Doch von der kommerziellen Wertigkeit dürfte das im deutschsprachigen Raum etwa mit Rallye-WM oder US-Rennsport gleichzusetzen sein. Ein wöchentlich erscheinendes Objekt, das sich nur mit diesen Kategorien befassen würde, ohne Zugpferd Formel 1, wäre zum scheitern verurteilt. GW betreibt sein neues Objekt übrigens mit einer kleinen, aber effizienten Kernmannschaft an Redakteuren und Produktionsprofis, plus einiger der weniger kostenintensiven bisherigen MSA-Korrespondenten. Dass da inhaltlich noch die Air Races von Red Bull hinein schlüpften, ist wirtschaftlich nachvollziehbar. Und auch OK. Als am internationalen Motorsport interessierter Leser überblätterte ich in MSA, als ich sie noch las, regelmässig Berichte über Langstrecken-Pokal und Bergrennen. Ob die Zwei- und Vierrad-Fans die Air Race-Seiten überblättern werden, hängt davon ab, wie schmackhaft man dieses Segment verkauft. Umgekehrt kann man vielleicht die Flugbegeisterten für Auto- und Motorradsport interessieren.

Red Bull Air Race

Wie die Erfolgsaussichten von Speedweek 2009 ausschauen? In der letztendlich für die Verkaufszahlen eines Motorsport-Magazins hauptsächlich relevanten Formel 1-Berichterstattung ist man mit Mathias Brunner gut aufgestellt, in anderen Vierrad-Sparten hat GW mit Insidern wie Marcus Lacroix ebenfalls in der Branche anerkannte Schreiber zur Hand, also die Brauchbaren und Motivierten von seinen langjährigen Untergebenen in der MSA-Redaktionsmannschaft ausgesiebt. Damit schlug GW zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits ein mit Machern ausgestattetes Team aufgestellt, anderseits die Konkurrenz geschwächt. Allein die Tatsache, dass der Inhalt der MSA nun zunehmend von freien Mitarbeitern erstellt wird – man muss nur die Zahl der Artikel je Ausgabe mit dem Impressum vergleichen – unterstreicht diese Einschätzung.

Das grosse Fragezeichen steht über der Zweirad-Redaktion von Speedweek. Wenn der Chef, der ja im Hauptjob Kommunikations-Direktor bei Red Bull ist, keine Zeit zum recherchieren und schreiben haben sollte, dann sieht es da eher düster aus. Nämlich so, wie es halt nach GWs Abgang bei MSA im Zweirad-Bereich in Print und Online aussah. Und dass das, was da seinerseits abgeliefert wurde, nicht annähernd auf dem selben Niveau lag, braucht man nicht noch gross zu erörtern. Begnadete (und vor allem eifrige) Autoren mit fesselnder Schreibe und weitreichenden Kontakten in der internationalen Zweirad-Szene sehe ich bei Speedweek keinen einzigen. Also wird der Chef selbst ran müssen, zumindest was die Motorrad-WM betrifft.

Neuer Platzhirsch?

So wird es letztendlich darauf ankommen, ob es gelingt mit dem Objekt Speedweek ein wirtschaftlich gesundes Polster an Abonnenten zu ergattern und mit einem kreativen Anzeigenverkauf in diesen schweren Zeiten für ein gesundes Finanzpolster zu sorgen. Gelingt das, und das dürfte dank des Red Bull-Netzwerks nicht so abwegig sein, dann ganz sicher auf Kosten von MSA. Und ob man dort in der Lage sein wird, auf den neuen Platzhirsch überhaupt zu reagieren, darf eher bezweifelt werden, angesichts des hausgemachten Zanks auf allen Ebenen bei der Motor Presse International. Die Unfähigkeit, in Schwerzenbach ein funktionierendes und ambitioniertes Team zusammenzustellen, hat bereits den Online-Auftritt in den letzten beiden Monaten kräftig absacken lassen.

Es würde mich ohnehin nicht wundern, wenn das Objekt MOTORSPORT aktuell in absehbarer Zeit aus der Schweiz ausgelagert und in Stuttgart produziert wird. Das Bündeln von Ressourcen ist derzeit der Trend in dieser von der Krise ebenfalls befallenen Industrie und die alles andere als positiven Zahlen dürften das Objekt bereits zur Zielscheibe der schwäbischen Strategen gemacht haben. So oder so beneide ich Leo Wieland, ab kommender Woche neuer Chefredakteur, nicht um seine neue Aufgabe. Ich wünsche ihm viel Glück. Davon wird er – neben vollem Einsatz seiner unbestrittenen Fähigkeiten – sicher ganz viel brauchen.

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Kommentare
  1. Dennis G. sagt:

    Meine Ausgabe lässt noch auf sich warten. Inwieweit wird denn auch auf US-Serien eingegangen? Insbesondere NASCAR? Wobei eine volle Seite da schon ausreichend wäre.

  2. grandprixinsider sagt:

    Hallo Dennis, dass Speedweek zumindest dem Sprint-Cup Aufmerksamkeit schenken wird, ist doch klar. Schliesslich hat Red Bull dort ein Team am Start. 🙂

    Ob von den restlichen NASCAR-Kategorien was kommt, muss man abwarten. Eher nicht, denke ich. Nicht das Opa Lewis Franck darüber nicht schreiben würde. Aber solange News auf Papier gedruckt werden, wird es immer Platzmangel geben…

    Wegen der noch immer fehlenden Nullnummer würde ich dem Verlag eine Mail schreiben. Man hört, dass es da schon noch was klemmt.

  3. Stephan sagt:

    Ich bin letzte Woche im Kiosk auf Speedweek aufmerksam geworden und habe mich spontan gefreut, im Impressum die alten MSa-Kämpen zu entdecken. Erstmal werden wohl beide Zeitschriften jeden Dienstag gekauft und auf die Dauer muss man halt sehen.

    Die Idee, die Redaktion nach Stuttgart zu transferieren, finde ich u.U. gar nicht so schlecht. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn die F1-Berichterstattung in der MSa von Michael Schmid übernommen wird.

  4. O.D sagt:

    Bitte
    informieren Sie mich, wann und wo Ihre Zeitung erhältlich ist.

  5. grandprixinsider sagt:

    Hallo Herr Dauner,

    sehr gerne lade ich Sie ein meine eigene Publikation – P1 Magazin – kennen zu lernen. Einfach den Link anklicken oder die URL http://www.p1mag.de in Ihren Browser eingeben.

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