Es ist schon sonderbar. Seit Jahren höre ich das Gejammer meiner Kollegen, es gäbe einfach keine Formel 1-Rennfahrer mehr wie in den 60ern und 70ern. Richtige Kerle, die auf der Rennstrecke feste gasgeben und nachher aber auch genauso gekonnt Feste feiern. Kerle eben, so wie James Hunt einer war.


Alonso sei zu grantelig, Räikkönen zu einsilbig, Hamilton zu glatt und die anderen… naja. Da waren, hörte ich jahrelang, Kerle vom Schlage eines James Hunt von völlig anderem Kaliber. Ein blonder, blauäugiger Mädchenschwarm, Kettenraucher – etwa 60 Stengel am Tag – und einem ausschweifenden Saufgelage selten abgeneigt, einer der barfuss, nur mit Jeans und T-Shirt zu Dinnerparties erschien. Wo James auftauchte, so wurde erzählt, ging die Post ab.

Solche Charaktere lieferten halt einst süffisante Schwänke, die das Journalistenherz höher schlagen und die Fans vor lauter Gaudi juchzen liess. Eddie Irvine? Jacques Villeneuve? Mika Salo? David Coulthard? Jaja, alles Partygänger. Aber kein Vergleich zu Hunt. Ein paar Schwänke gefällig? Ein Veteran der F1-Szene schilderte mir einmal, wie Niki Lauda den James nach Grinzing zum Heurigen einlud. Der junge Wein floss in Bächen und irgendwann dreht sich James zum Fenster um und entliess seinen gesamten Mageninhalt inmitten der Bepflanzung des Wirtshauses. Nur um ungerührt noch eine Runde nachzubestellen.

Am nächsten Morgen flogen die beiden dann gemeinsam zu Testfahrten nach Paul Ricard. Während Niki dem Umgang mit dem jungen Wein offenbar angemessenr angegangen war und seine Testarbeit für Ferrari verrichten konnte, lief der Weltmeister alle paar Runden die McLaren-Box an und nörgelte über sein Auto. Der tatsächliche Grund für die häufigen Boxenstopps: Ein Riesenkater, mehr als ein paar Runden am Stück war einfach nicht drin. Irgendwann rollt der M26 em Ende der Mistral-Geraden aus. Das Training wurde unterbrochen, die Mechaniker schnappten sich Starterbaterie und Abschleppseil und – wie das damals üblich war – fuhren mit dem Mietwagen über die Strecke um den gestrandeten Renner zu bergen. Bis die McLaren-Schrauber die anderen Seite der Rennstrecke erreichten, war James sanft und tief im Cockpit entschlummert…

James konnte aber auch ein sehr hitziges Temperament an den Tag legen. So gab es einige Geschichten aus seiner wilden Formel 3-Zeit, wo die Zweikämpfe auf der Strecke hernach am Streckenrand ihre Fortsetzung fanden – mit den Fäusten. Nicht zu vergessen die Titelentscheidung 1976 in Fuji, als Lauda im sintflutartigen Regen das Rennen – und damit den Titel – aufgibt. In der Boxenfunk-Prähistorie wird James zu spät zum Reifenwechsel hereingeholt. Er kriegt nicht mit, dass Lauda draussen ist und steigt – als drittplazierter und faktisch neuer Weltmeister – nach dem Rennen so stocksauer aus dem Cockpit, dass er Teamchef Teddy Mayer wegen der verpatzten Strategie – und dem vermeintlich verlorenen WM-Titel – verdreschen will. Der kauzige Teddy kann gerade noch entwischen, bis die gröllenden Mechaniker prustend James derbe auf die Schulter klopfend zum Titel gratulieren.

Den Karriereverlauf vom Crash-Piloten James “Shunt” zum charismatischen Weltmeister hatte ich natürlich als Formel 1 vernarrter Teenager von aussen verfolgt. Auch das unwürdige Austrudeln seiner Karriere, das nach dem schweren Startunfall 1978 in Monza seinen Lauf nahm. Damals wurde Hunt von Patrese gegen den Lotus von Peterson gedrängt, der Schwede verunglückte in einem Feuerball und James riss den schwerverletzten Kollegen aus dem völlig zerstörten Wrack. Dieser Unfall, so schwören Insider, hat James Hunt die Augen geöffnet. In vielerlei Hinsicht. Der exzessive Tabak-, Alkohol und sogar – eingestandene – Drogenkonsum hatten ihn als Rennfahrer ohnehin schon von seinen besten Tagen hinwegdümpeln lassen. Nun wurde ihm auch klar, dass das Leben noch schöner sein könnte – ohne Todesrisiken einzugehen. Nach dem Grand Prix von Monaco 1979 hängte er den Helm definitiv an den Nagel.

Ruhiger wurde es deshalb noch lange nicht um James Hunt. Sein in seinen Glanztagen verdientes Vermögen hatte er Mitte der Achtziger durch Jet-Set-Lifestyle, wilde Parties, Scheidungen und glücklose Investitionen weitgehend durchgebracht. Da kam das Angebot vom britischen TV-Sender BBC gerade recht, die Formel 1-Rennen neben Murray Walker zu kommentieren. Die kultige Mikrophon-Legende gab hernach öfter zum Besten, wie er und James in der Kommentatoren-Kabine während der Übertragungen um das einzige vorhandene Mikro rangen. Und da war da natürlich noch die pikante Geschichte, als James 1988 in Spa zwei Mädels im Fahrerlager aufriss um mit den beiden Schönen in seinen 40. Geburtstag hineinzufeiern. Auf dessen Hotelzimmer. Dumm nur, dass keiner der Dreien vor dem Start des Rennens aufwachte. Der arme Murray musste irgendetwas von einer “bösen Magenverstimung” seines abwesenden Kollegen über den Äther grummeln.

Ich hatte das vergnügen James bei meinem zweiten Grand Prix als Formel 1-Journalist vorgestellt zu werden. Das war 1993 im Fahrerlager von Imola und wir plauschten angeregt über Sennas tolle Rennen in Interlagos und Donington, über die Aussichten der Saison und – natürlich – über so einige Etappen seiner eigenen Karriere. Nett war er, mit 45 Jahren immer noch der Sunnboy, aber eine ganze Ecke ruhiger und gesitteter, als er immer geschildert wurde. Mein Kollege Gerald Donaldson, der als Ghostwriter für die Hunt-Kolumne einer grossen englischen Tageszeitung fungierte, verriet mir damals: James ist verliebt, seine Freundin Helen Dyson, eine Künstlerin, hat ihn endlich auf den Boden zurückgeholt. Er gab die Raucherei und Trinkerei auf und ein paar Monate später würde er Helen einen – für James – ungewöhnlich gefühlvollen Heiratsantrag machen. Nur um Tags darauf in seinem Haus in Wimbeldon einem fatalen Herzschlag zu erliegen.

James Wallis Simon Hunt, Formel 1–Weltmeister des Jahres 1976: Als Rennfahrer unvergesslich, als Kerl von einem Schlage, wie sie einem heute in einem Fahrerlager nicht mehr über den Weg laufen.

So long, James.

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Kommentare
  1. Foyd BenGazza sagt:

    So schnell gelebt, wie er gefahren ist.
    Nur mit dem Bremsen hat es nicht so recht geklappt.
    So jemand hat nie verloren. Es ist nicht die schlechteste Idee, verliebt zu sterben. Besser als im Auto. Oder alleine.

  2. Christian Becker sagt:

    Leider gibt es Heute keine Fahrer diesen Kalibers mehr

  3. Karlheinz Moll sagt:

    -ONE OF THE TRUE HEROS FOREVER-

  4. ingohaupt sagt:

    I saw James Hunt winning the British Grand Prix…..
    und ich traf ihn meistens breit grinsend bei einigen Rennen zwischen 1976 und 1977 im Fahrerlager, ich war 14 Jahre alt und kein Zaun war zu hoch um früh morgens ins Fahrerlager bzw. Pit Lane zu kommen. Ich werde diese goldenen aber leider auch oft tödlichen Zeiten der Formel 1 nie vergessen. Was ist ein Vettel etc. zum Athleten trainiert, mit der ganzen Automatisierung in der Formel 1 gegen einen James Hunt, Ronnie Petterson und alle anderen in den Siebzigern………..

  5. Franz Strasser sagt:

    Zu der Zeit – bzw. noch früher – gab’s aber noch weitere, welche über ein derartiges Charisma verfügten. JOCHEN RINDT zum Beispiel!

    Leider ist für solch außergewöhnliche Charaktäre, in Zeiten wo Geld und Politik im Vordergrund stehen, leider kaum mehr Platz Geben würd’s sie sicher noch, aber man gibt ihnen keine Chance. Zu groß wär die Gefahr, dass der Focus nicht am Rennstall/Sponsor liegt, sondern am Fahrer.

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